Digitalisierung und Medien

Medien und Kontrolle – Prüft aber alles…

3. August 2020

Medien und Kontrolle – wie aktuell und bedeutsam, aber auch heikel im Zusammenhang die Leitbegriffe der Südwestdeutschen Medientage 2019 sind, dürfte sich an der Vielzahl der Themen der letzten Wochen innerhalb dieses Bereichs zeigen: die Aufarbeitung des Relotius-Falls; das Video von Rezo; Annegret Kramp-Karrenbauers mindestens unglückliche Formulierungen und die sich daran anschließende, mancherorts glücklicherweise weniger gereizt geführte Debatte; oder natürlich die plötzliche Beliebtheit der spanischen Ferieninsel Ibiza.

Auf all diese Personen, Themen und Diskussionen möchte ich in den nächsten Absätzen nicht eingehen. Stattdessen möchte ich anhand zweier Ereignisse einige Fragen, Diskussions- und Denkanstöße für die Medientage 2019 umreißen, die für sich genommen schon erschütternd waren, und die darüber hinaus auch Herausforderungen und Problemstellungen im Zusammenhang mit Kontrolle durch Medien sowie Kontrolle von Medien aufzeigen. Beginnen möchte ich jedoch mit einem wohlmeinenden Ratschlag: „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ (1. Thess 5, 21)

Das klingt wie eine Kurzanleitung für gute journalistische oder wissenschaftliche Praxis oder aber wie die Intention der im Zuge der Urheberrechtsreform in Europa so heiß diskutierten Upload-Filter. Tatsächlich schreibt diese Worte der Apostel Paulus gegen Ende seines Briefs an die Thessalonicher, dem ältesten erhaltenen Paulus-Brief, ungefähr im Jahr 50 nach Christus. „Prüft aber alles und das Gute behaltet.“

Diesen Ratschlag beziehungsweise diese Anweisung richtet Paulus an die Gemeinde im griechischen Thessaloniki und bezieht sich dabei interessanterweise auf einen Kommunikationsmodus. Zwar geht es ihm nicht um journalistisches Schreiben, sondern um die Bewertung prophetischer Rede – doch lässt sich insbesondere der erste Teil des Zitats auch auf unser heutiges Medienverhalten übertragen, ob als Mediennutzerin, als Medienschaffender oder als hybride Konstruktion eines Prosumers oder einer Produserin.

„Prüft aber alles“: Kritisch beobachten und nachdenken; abwägen; mustern; beurteilen; abschätzen; überwachen oder eben: kontrollieren – all diese Verhaltensweisen beschreiben zentrale Tätigkeiten des Journalismus mit Bezug auf andere mächtige Akteur*innen in unserer Gesellschaft, man denke nur an die Panama Papers oder eben das Ibiza-Video. Doch scheinen diese Formen des Prüfens in Zeiten von beschleunigten Nachrichtenzyklen, Fake News oder neuen Zensurtechniken auch angebracht im Umgang mit Medien und mit Blick auf die Medien. Gerade für Journalistinnen und Journalisten dürfte der erste Teil der paulinischen Handlungsanweisung nicht nur im Kontext der Relotius-Texte nachvollziehbar und essenziell für das eigene Tun sein. Aber was, wenn die Zeit zum Prüfen nicht bleibt? Wenn schnelles Handeln – im journalistischen Kontext also berichten, kommentieren oder befragen – gefordert ist oder gefordert scheint? Oder wenn die Situation so hektisch, verlockend, intensiv oder aufreibend ist, dass der eigene professionelle und moralische Kompass nicht mehr ganz nach Norden zeigt? Wenn die Prüfung der Fakten, die angemessene Beurteilung einer Lage und das kritische Abwägen des eigenen Verhaltens nicht mehr sachgerecht greifen, können sich Situationen mit enormer Sprengkraft für viele Beteiligte entwickeln.

Gladbeck als medialer Sündenfall

Ich weiß nicht mehr, was ich am Morgen des 16. August 1988 genau gemacht habe, was nicht verwundern dürfte: 1988 war ich vier Jahre alt. Vermutlich habe ich den Vormittag im Kindergarten mit für diesen Text eher irrelevanten Aktivitäten verbracht. Ich erinnere mich jedoch bis heute noch an eine Autofahrt mit meiner Mutter an diesem Tag, denn plötzlich wurde der Name meiner Heimatstadt wieder und wieder im Radio erwähnt – als Kleinstadtkind eine ungewohnte Situation. An diesem und an den nächsten Tagen war der Name der 80.000-Einwohner-Stadt im Ruhrgebiet jedoch in aller Munde: Gladbeck.

Um 7:55 Uhr drangen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski in eine Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord ein und erbeuteten 120.000 D-Mark. Damit begann ein Ereignis, dass die Mediengeschichte in Deutschland mitgeprägt hat: Die Geiselnahme von Gladbeck. Degowski und Rösner nahmen Geiseln und begaben sich auf eine dreitägige Irrfahrt durch Deutschland, bei der zwei Geiseln und ein Polizist starben, bevor die Geiselnehmer nach einem Schusswechsel bei Bad Honnef verhaftet werden konnten.

Diese traurigen Ereignisse sind jedoch nicht der einzige Grund, warum der Name Gladbeck zumindest bei allen, die 1988 ein wenig älter waren als ich, ein fester Begriff geblieben ist. Vielmehr haften der Gladbecker Geiselnahme bis heute Bilder, Interviews und Berichte an, die Journalisten in einer bis dahin kaum vorstellbaren Distanzlosigkeit erstellten.

Es begann mit einem Anruf von Hans Meiser, damals noch Journalist bei RTL plus, in der Bank: „Hier ist Hans Meiser, deutsches Fernsehen, guten Tag, kann ich bitte einen der Geiselgangster sprechen?“

Tatsächlich antwortete Degowski, der das kurze Gespräch wenig später beendete. Meiser veröffentlichte die Aufnahme. Es entwickelte sich eine doppelte Verfolgungsjagd, neben der Polizei hefteten sich auch zahlreiche Journalisten an die Fersen der Geiselnehmer und Geiseln, behinderten die Einsatzkräfte – und sendeten Bild- und Tonmaterial, das noch heute verstört: Geiselnehmer Rösner, der vor laufenden Kameras „Ich scheiß‘ auf mein Leben“ ruft und sich seine Pistole in den Mund steckt; ein Reporter, der der Geisel Silke Bischoff, die später beim Zugriff der Polizei sterben sollte, die unsägliche Frage stellt „Wie geht es Ihnen mit der Pistole am Hals?“, während Degowski sie mit einer Waffe bedroht; ein Fotograf, der nicht schnell genug war und darum bat, der Geisel für ein Foto noch einmal die Pistole an den Hals zu setzen; Reporter, die den verblutenden 15-jährigen Emanuele de Giorgi aus dem Bus tragen, wobei einer ihrer Kollegen den Kopf der Geisel noch in die Kamera hält; Udo Röbel, der zu den Geiselnehmern in der Kölner Innenstadt ins Auto steigt, um ihnen den Weg zur Autobahn zu weisen.

Der Deutsche Presserat zog nach Gladbeck mehrere Konsequenzen: Es wurden mit der Innenministerkonferenz bis heute gültige Verhaltensgrundsätze für Medien und Polizei vereinbart und der Pressekodex um einen Passus erweitert, dass sich Journalistinnen und Journalisten nicht „zum Werkzeug von Verbrechern“ machen dürfen. Darüber hinaus dürfte eine ganze Generation von Medienschaffenden durch den „medialen Sündenfall“ (ZAPP 2008, Gladbecker Geiseldrama: Medialer Sündenfall | ZAPP | NDR, Zugriff: 29.8.2019) von Gladbeck in ihrer Haltung und Arbeitsweise geprägt worden sein. Kann man auf diese Weise also selbst einem so fürchterlichen Ereignis zumindest etwas abgewinnen und hoffen, dass eindeutige Negativbeispiele positive Langzeitwirkungen haben können? Prüft aber alles…und das Gute behaltet?

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Am Beispiel von Gladbeck wird deutlich, wie schwierig der zweite Teil des Paulus-Zitats zu fassen ist: Wann sind Medien gut? Was ist gute Berichterstattung? Wann darf das Interesse an einem vermeintlichen oder tatsächlichen Verbrecher den Schutz der Würde seiner Opfer übersteigen? Und wer darf das entscheiden? Wer setzt die Leitplanken für Medien und Journalismus, die wir grafisch in unserem Tagungstitel angedeutet haben? Und auf welcher Grundlage? Auf welchem ethischen Fundament steht eine Beurteilung von berechtigt und unberechtigt, von erlaubt und untersagt, von gut und schlecht, um in der Sprache des Paulus-Zitats zu bleiben? Auf den so oft bemühten Werten eines postulierten jüdisch-christlichen Abendlandes? Dem Grundgesetz? Dem Pressekodex? Dem eigenen Gewissen jedes Journalisten, jeder Leserin, jedes Zuschauers, jeder Hörerin? Und könnte überhaupt sichergestellt werden, dass alles geprüft und das Gute behalten wird, ohne dass Journalistinnen und Journalisten handlungsunfähig werden?

Christchurch und BILD

Diese und weitere Fragen sind nach Gladbeck geblieben, und werden durch jüngere medientechnologische Entwicklungen wieder aufgeworfen, verändert und verschärft. Am 15. März in diesem Jahr wurden 51 Menschen in der neuseeländischen Stadt Christchurch ermordet, der Täter streamte seine Verbrechen dabei live auf Facebook. Mehrere Nutzerinnen und Nutzer schnitten das Video mit und luden es in den nächsten Minuten auf diversen Plattformen im Netz hoch. Das blieb auch nicht der Bild.de-Redaktion verborgen, die Ausschnitte des Videos auf ihrer Online-Präsenz einbettete. Bis heute ist auf der Seite zu lesen: „Ab hier zeigt BILD keine Filmsequenzen mehr aus dem Video des rechtsextremen Killers, nur noch Standbilder. Die Bewegtbild-Szenen sind unerträglich.“ (17 Minuten Mordfeldzug, Zugriff: 29.8.2019) Die unscharfen Standbilder zeigen auf dem Boden liegende angeschossene Menschen, bevor sie ermordet werden, Leichen und Menschen, die vergeblich versuchen zu flüchten.

Die unmittelbare, scharfe Kritik an der BILD-Berichterstattung bewegte BILD-Chefredakteur Julian Reichelt zu einer Erklärung, die am gleichen Tag veröffentlicht wurde: „Journalismus ist dazu da, Bilder der Propaganda und Selbstdarstellung zu entreißen und sie einzuordnen. Erst die Bilder verdeutlichen uns die erschütternde menschliche Dimension dieser Schreckenstat. Das Video des Massakers ist online überall genauso verfügbar, wie der Täter es wollte. Journalismus darf solche Bilder aber nicht Social Media überlassen.“ (Reichelt, Julian, Ein feiger, niederträchtiger Mörder. Kommentar zum Terroranschlag in Christchurch, Zugriff: 29.8.2019)

Tatsächlich werden das Video und die Standbilder im dazugehörigen Artikel nicht eingeordnet, sondern allein ausführlich beschrieben – und damit vor allem weiter verbreitet, wie es der Täter intendierte. Dass die Filter- und Gatekeeperfunktion von Redaktionen versagen kann, hat sich schon am Beispiel von Gladbeck gezeigt. Ich möchte aber vor allem den letzten Satz des Reichelt-Zitats hervorheben. Bereits 2008 sagte Günter Ollendorf, einer der Journalisten, die zu nah an die Gladbecker Geiselnehmer herankamen, mit Blick auf die Möglichkeit einer Wiederholung der damaligen medialen Zustände: “Es würde noch weitaus schlimmer werden, weil die Vielzahl der Medien jetzt natürlich die Konkurrenzsituation noch verschärft. Also, es wäre mit Sicherheit nicht besser als es damals war.” (ZAPP 2008) Und tatsächlich schwingen im Aufruf, Bilder wie die des Attentäters von Christchurch nicht allein den sogenannten sozialen Medien zu überlassen, Erfahrungen aus dem Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit und Geld zwischen den ‚klassischen‘ Medien und Social Media-Plattformen mit. Mit Bezug auf das Thema der Medientage 2019 wird aber angesichts der wirtschaftlichen Lage und Entwicklung vieler Medienhäuser zu beobachten sein, wie sich der ökonomische Druck auf journalistische Inhalte und redaktionelle Arbeit auswirkt – und ob die Konkurrenz aus dem Netz langfristig häufiger zu mindestens fragwürdigem Vorgehen wie im Fall der Berichterstattung über Christchurch durch BILD führt. Der auch politische Wunsch, die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten, Zeitungen oder Verlagen in dieser Konkurrenzsituation gerade aufgrund ihrer Bedeutung für unsere Gesellschaft zum Beispiel durch die Urheberrechtsreform oder den Medienstaatsvertrag zu schützen, ist nachvollziehbar und sinnvoll – und gleichzeitig wird aber auch zurecht darum gestritten, wie dieses Vorhaben gelingen kann.

Plattformen und Attentäter

„Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ Zum Abschluss möchte ich ein letztes Beispiel anführen, dass auch vom Video des Christchurch-Attentäters ausgeht. Um die Ausmaße der Verbreitung des Videos im Ansatz zu verstehen, genügt ein Blick auf die Zahl der Kopien, die allein Facebook in den ersten 24 Stunden nach dem Attentat löschte: 1,5 Millionen Kopien wurden gelöscht und bei weiteren 1,2 Millionen Kopien wurde bereits das Hochladen unterbunden. Möglich wird dies durch Algorithmen, die jedoch bereits durch einfache Veränderungen des Videomaterials, etwa durch eine Spiegelung, ausgetrickst werden können. Im Normalfall kommen die Algorithmen zum Einsatz, um unerwünschtes Material zu identifizieren, das dann von Menschen gelöscht oder als unbedenklich markiert wird. Natürlich nicht auf Grundlage zum Beispiel des Grundgesetzes, sondern primär auf Grundlage der jeweiligen AGBs. Im Fall von Christchurch setzte YouTube dieses Vorgehen jedoch aus: Die menschlichen Kontrolleure wurden aus der Gleichung genommen und die Inhaltserkennung und -löschung wurde vollständig an Algorithmen übertragen.

„Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ Den Paulus-Vers würden sowohl Facebook als auch YouTube vermutlich ohne Bedenken in ihr jeweiliges Leitbild übernehmen – und dennoch jede Verantwortung dafür ablehnen, wenn weiterhin Kopien des Christchurch-Videos auf ihren Plattformen zu sehen sind.

Zu den großen Online-Plattformen ließe sich deutlich mehr sagen, wozu bei den vierten Südwestdeutschen Medientagen ausreichend Gelegenheit bestand. Denn auch hier stellen sich dringende Fragen: Wie weit dürfen Facebook oder Google im Feld der inhaltlichen Auswahl und Anordnung ohne Einblick und Aufsicht agieren? Wie kontrolliert man globale Unternehmen, deren Geschäftsmodelle mit bisherigen Regulierungen kaum zu fassen sind? Wohin führt es, wenn Prüfprozesse ohne menschliche Begleitung möglich sind? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn nach wie vor der Eindruck bleibt, vor allem auf die Kulanz der Online-Giganten angewiesen zu sein?

Fest steht nach Gladbeck und nach Christchurch wenig überraschend: Nicht immer die richtige oder gute Handlungsoption zu wählen ist zutiefst menschlich. Umso notwendiger bleiben und sind Prüfungs-, Aufsichts-, Regulierungs- und Kontrollmechanismen, die auch in sich verändernden, globalen Medienkontexten greifen – und die dennoch diesen Wesenszug des Menschen bedenken und ihm auch mit Nachsicht oder – um zur paulinischen Sprache zurückzukommen – mit Vergebung begegnen können.

Der Beitrag – ursprünglich als Eröffnungsvortrag der Südwestdeutschen Medientage 2019 zum Thema Medien und Kontrolle gehalten – erschien zuerst in der epd Dokumentation 41/2019. Mittlerweile ist die Dokumentation mit Texten von Fritz Frey, Otfried Jarren, Clemens Hoch, Hektor Haarkötter und Gotlind Ulshöfer frei abrufbar.

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