Link zum Wochenende

Freitag ist Linktag – Ästhetik und Instagram

15. Mai 2020

Die Beschäftigung mit digitalen Phänomenen und Prozessen in Bezug auf Gesellschaft und Kirche kann ein recht vergnügungsfreies Unterfangen sein. So kommt es mir zumindest manchmal vor. Oft geht es um Datenschutz, Fake News, unheimliche Algorithmen oder abgehängte Menschen im Anblick der ständigen Neuerungen. Dabei kann die Auseinandersetzung mit Digitalisierung auch zu anziehenden, künstlerisch wertvollen oder einfach schönen Ideen und Werken führen — die natürlich auch trotzdem nachdenklich, traurig oder ängstlich machen dürfen, aber nicht müssen. Um solche digitale Kultur soll es auf diesem Blog immer freitags gehen, im Link zum Wochenende. Nicht jeden Freitag, aber zumindest an den Freitagen, an denen die Zeit es zulässt. Schließlich ist Freitag der Auftakt zum Wochenendes und damit ein ausgezeichneter Zeitpunkt, sich Dingen zu widmen, die oft im Alltag untergehen.

Den Auftakt möchte ich mit einem must (und long) read zum Thema Ästhetik und Instagram machen. Dayna Tortorici beschreibt in ihrem n+1-Beitrag “My Instagram. We all die immediately of a Brazilian butt lift” ihre persönlichen, langjährigen Erfahrungen mit der Nutzung von Instagram. Doch der Text ist nicht allein eine autobiographische oder journalistische Erörterung. Tortorici entwirft ein nuanciertes, unglaublich detailliertes und dabei nie langweilendes Porträt einer Plattform, deren Funktionen, Regeln und Ästhetik so wahrscheinlich noch nie betrachtet wurden, wie dieser kurze Abschnitt zum endlosen Feed es andeutet:

This would be the place to speak about René Girard, about influencers, about the mise en abyme of mimetic desire: we want what other people want because other people want it, and it’s penciled-in eyebrows all the way down, down to the depths of the nth circle of hell where we all die immediately of a Brazilian butt lift, over and over again. But what is there to say? We know it, we know it, we know it. Still we keep scrolling, deeper down the well of our bottomless need.

Dayna Tortorici

Wenn Girard und mimetisches Begehren auf den Brazilian butt lift treffen, um die psychologischen Effekte der Social-Media-Nutzung auszuleuchten, dann wird aus einem Artikel ein kleines Kunstwerk. Und das scheint auch Tortoricis Ansinnen zu sein in ihrer konsequenten Ich-Perspektive, die stets in ästhetischer Form nach ästhetischen Kriterien fragt. Für den Text sollte man sich ein ruhiges Stündchen Zeit nehmen. Aber so viel sei versprochen: Es lohnt sich, auch wenn man eine ganze Weile scrollen muss.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply