Digitalisierung und Bildung

Die Würde der Prüfung ist unantastbar – Wozu bilden wir?

25. Juni 2020

90 Minuten digitaler Diskurs zum Thema „Die Würde der Prüfung ist unantastbar – Wozu bilden wir?“ 25 Menschen, die sich zum Teil in der analogen Welt noch nie begegnet sind. 1 Thema, das vielen unter den Nägeln brennt, über das man aber tagelang in 1000 Facetten diskutieren könnte. Zum zweiten Mal lud die Evangelische Akademie der Pfalz, dieses Mal in Kooperation mit der katholischen Akademie Rhein-Neckar, zu einer ZOOM-Konferenz ein. Mit dabei waren am 19. Juni 2020 Kirchenvertreter*innen, eine Bildungspolitikerin, eine Wirtschaftsvertreterin, ein Kinderarzt, Schüler, Fachjournalist*innen, politische Bildner*innen, Lehrer*innen und Hochschullehrer.

Foto: Ivan Aleksic

Bildungsungerechtigkeit

Dass die Corona-Krise grundlegende Bildungsungerechtigkeiten freigelegt hat – das war ein durchgängiger Tenor der Debatte. Es gibt Gewinner und Verlierer. Die Gewinner sind die Begabten und die Stillen. Diejenigen, die das Glück haben, digital vorbereitete Schulen zu besuchen, engagierte Lehrer zu haben und im familiären Umfeld Rückhalt und Unterstützung finden. Wer solche Voraussetzungen genießt, konnte im Lockdown herrlich lernen, sich selbst zu organisieren und den inneren Schweinehund zu besiegen. Unter anderem. Gleichzeitig ging ein Digitalisierungsschub durch die Bildungswelt, der ohne Corona undenkbar gewesen wäre. Verlierer sind die Schwachen, diejenigen in beengten Wohnverhältnissen, mit beschränkter digitaler Ausstattung und digitaler Kompetenz, in instabilen Familienverhältnissen. Überhaupt die Familien. Und viele Frauen. Und die Kleinsten. Der Bereich öffentlicher, frühkindlicher Bildung wurde am radikalsten eingeschränkt. Hier helfen auch digitale Angebote kaum weiter. Kinderarzt Fred Konrad fragte:

In den Schlachthöfen bricht Covid-19 aus. Geschlossen werden die Kindertagesstätten –medizinisch gegen jede Evidenz. Wie weit ist es her mit den Bekenntnissen zur herausragenden Bedeutung frühkindlicher Bildung?

Die Gerechtigkeitsfragen werden mit dem Abklingen der Pandemie nicht verschwinden. Einer der Vorschläge aus der Diskussion: Bildungsressourcen sollten nicht gleichmäßig über das Land verteilt werden. Wir brauchen kleinere Klassen, mehr Beratung und mehr Lehrer*innen. Nicht flächendeckend, sondern da, wo sich Menschen besonders schwer damit tun, Bildungschancen zu ergreifen. „Überall dasselbe Konzept, das geht nicht“, meinte die Fachjournalistin Petra Wagner.

Bildungsverweigerung

Eine schonungslose Wortmeldung kam von der Berufsschullehrerin Anja Schlösser: „Bildung muss man auch wollen. Und viele unserer Jungs wollen gar nicht.“ Auch das scheint eine Erkenntnis aus der Corona-Krise zu sein: Manche tauchen einfach ab. Schüler*innen, Familien, Lehrer*innen, Erzieher*innen. Ideale Wachstumsbedingungen für abstruse Welterklärungsmodelle und Verschwörungstheorien. Woher kommt das? „Kultivieren wir bürgerliche, leistungsorientierte und funktionalistische Bildungsvorstellungen, in denen sich Teile der Gesellschaft nicht mehr wiederfinden, weil sie sich ausgeschlossen und abgewertet fühlen?“, diese Vermutung äußerte der Direktor der Katholischen Akademie Rhein-Neckar Tobias Zimmermann SJ, der bis 2019 Rektor des Berliner Canisius-Kollegs des Jesuitenordens war und jetzt in Ludwigshafen ein Zentrum für ignatianische Pädagogik aufbaut.

Bildung ist mehr als Schule

Nonformelle, informelle und außerschulische Bildungsbemühungen waren – abgesehen vom Revival der Familie – von der Corona-Krise am stärksten beeinträchtigt, weil sie in der Regel von persönlichen Begegnungen leben. Auch in den Öffnungsdebatten rangierten die Schulen mit weitem Abstand an erster Stelle. Auch hier scheint es sich aber um mehr zu handeln als um eine coronabedingte Ausnahmesituation.

Ich befürchte, dass Schule und Jugendarbeit aneinander vorbeireden, weil sie oft von unterschiedlichen Bildungsansätzen ausgehen

meinte Volker Steinberg, Referent für Jugendpolitik der Evangelischen Jugend der Pfalz und Vorsitzender des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz. Die Bildungsdebatte und die Bildungsbemühungen konzentrieren sich zu einseitig auf den Bereich „Schule“ – das meinten einige der Teilnehmenden, die im außerschulischen Bereich tätig sind. Und: das Zusammenwirken von Schulen, Familien und außerschulischen Einrichtungen ist verbesserungsfähig. Überhaupt: „Wir müssen Bildungshandeln vernetzen, das zeigt eine Veranstaltung wie diese.“, so Dorothee Wüst, Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche der Pfalz. Die Kirchen könnten dabei einen Anfang machen. Am besten nicht durch komplizierte Apparate und Gremienstrukturen mit Hang zur Selbstbeschäftigung, sondern indem sie unterschiedliche Bildungsbereiche miteinander ins Gespräch und ins freie Zusammenwirken bringen.

Der Druck muss weg

Mit Händen zu greifen ist, dass die Bildungssysteme, Schüler*innen, Lehrer*innen, Erzieher*innen, Familien, zum Teil auch Akteure außerschulischer Bildung unter erheblichem Druck stehen, besonders in der Corona-Krise, aber nicht nur. „Überfordert“ und „alleingelassen“, diese Eigenschaftsworte fielen wiederholt. „Corona beschleunigt. Und wir müssen sehr aufpassen, dass wir nicht noch atemloser werden“, meinte Tobias Zimmermann. Ist sie paradigmatisch, die Geschichte von der Grundschullehrerin, der am ersten Unterrichtstag nach dem Lockdown keine Luft bleibt, um in aller Ruhe zu fragen: „Wie war‘s? Wie ist es euch ergangen? Wie geht es Euch?“ – sondern zuerst die Botschaft sendete: „Wir haben so viel versäumt. Wir müssen so viel nachholen.“ Überfordern wir uns, unsere Kinder, Schulen und Bildungseinrichtungen mit Erwartungen, die zu hochgesteckt oder fehlgeleitet sind? Berufsorientierung, Herzensbildung, Weltwissen, Ausgleich sozialer Ungleichheiten und, und, und? Von Emotionalen war in diesem Zusammenhang die Rede, vom „Habitus“ der Unterrichtenden, der im Studium, in der Ausbildung und in der Fort- und Weiterbildung zu kurz kommt. Und vom Christlichen. Dorothee Wüst sagte es so:

Christliches Bildungshandeln zielt auf Bildungsprozesse, aber immer unter dem Vorbehalt von Unverfügbarkeit und Unvollkommenheit.

Digitaler Diskurs geht

Keine Frage: Digital bleibt manches auf der Strecke. Gestik, Mimik, die Nuancen, das „Dazwischen“ nach dem Klingeln oder in der Kaffeepause. Teilhabechancen verschieben sich. Digitale Kommunikationskompetenzen, technischer Sachverstand und Hardware stehen nicht allen in gleichem Maß zur Verfügung. Digitales Homeschooling ist ein Notbehelf und keineswegs gleichzusetzen mit digitaler Bildung. Vor allem aber sollte kirchlichen und öffentlichen Haushaltern – auch davon war die Rede – klar sein: Digitalisierung ist keine Sparstrategie. Der Leiter des Frank-Loeb-Instituts und Lehrende an der Universität Koblenz-Landau Timo Werner meinte: „Wir lernen gerade ziemlich hart, was alles nicht geht. Und an vielen Stellen fällt der digitale Enthusiasmus in sich zusammen“, Stimmt. Und doch: Es geht eine ganze Menge. Mein Fazit jedenfalls nach dieser Konferenz: Wir tasten uns weiter vor in die digitale Welt.

Dieser Beitrag entstand mit Unterstützung von Felix Kirschbacher, Sabrina Weiß, Jana Sand und Tobias Zimmermann.

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